ICH! ICH! ICH! – Andreas Altmanns Reisereportagen fallen eine Idee zu monothematisch aus.

 

Ein jeder Schriftsteller hat sein bevorzugtes Thema. Dieses Thema lässt sich unter anderem daran ablesen, welches Wort er am häufigsten benutzt. Bei Goethe dürfte es „Liebe“ sein, bei Trakl „schwarz“, bei Houellebecq liegt man sicher nicht weit daneben, wenn man auf „onanieren“ tippt. Im neuen Buch des Journalisten und Schriftstellers Andreas Altmann ist ein Personalpronomen mit drei Buchstaben am prominentesten vertreten: „Ich“ – das ist das am häufigsten verwendete Wort in „Getrieben. Stories aus der weiten wilden Welt.“

Offiziell ist „Getrieben“ eine Sammlung von Reisereportagen, doch in Wirklichkeit begegnet Altmann in Seoul, in Algier, in Paris und wohin immer er reist, nur einer einzigen Sehenswürdigkeit. Und diese Sehenswürdigkeit heißt Andreas Altmann. Um dieses den Autor brennend interessierende Thema kreisen fast alle Geschichten, und man darf Altmann dafür loben, dass er die wichtigen Aspekte gründlich ausgelotet hat: Sein Ich, als raffinierten Kriminellen. Sein Ich, als Drogenjunkie. Sein Ich, als genialisch-besessener Schreiber. Vor allem aber, klar doch: Sein Ich, als Frauenheld. Das „Ich“ der Geschichten ist keine fiktive Erzählerfigur, es ist kein lyrisches Ich. Sondern Altmanns mächtig geschwollenes Ego, welches sich als letzter wilder Mann in einer durch und durch bürgerlichen Welt voll schmallippiger Buchhalter wähnt. Wo sitzen die schlimmsten Buchhalter? Natürlich, sie bevölkern die vermieften Redaktionsstuben in Hamburg, Frankfurt, München – während Altmann draußen in der wilden Welt wie ein Irrer kokst, vögelt, schreibt.

In einem Kapitel lesen wir Altmanns Briefe an Redakteure, die seine Reportagen veröffentlichen. Diese Briefe sind ein schönes Beispiel für die unfreiwillige Komik, welche in cholerischen Anfällen steckt. Der Grundton der Briefe: Ich, der brillante Schreiber Altmann, will mit meiner geliebten deutschen Sprache richtig vögeln. Doch ihr lahmen Wortverwalter könnt die Sprache nur in der ewig gleichen Missionarsstellung pimpern und redigiert meine Texte kaputt.

So stilisiert Altmann sich zum „umtriebigen Schreiber“ (Vorwort) und kompromisslosen Einzelkämpfer gegen das Schreib-Establishment. Der Leser fragt sich indes, warum einer, der die deutsche Sprache liebt, sie derart grob anfasst. Selbst der größte Fan von Anglizismen wird wenig Freude empfinden angesichts von Formulierungen wie: „Alles war genau getimed“, „Sie muss es sofort gecheckt haben“ oder „Sie panickte“. Hinzu kommt ein ärgerliches Hin und Her zwischen alter und neuer Rechtsschreibung, und „Straße“ wird gleich ganz in Schweizer Schreibung benutzt: „Strasse“ heißt es durchgehend.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass die Erzählungen zum Teil aufregend sind, wenngleich auch eher nach Art einer saftigen Räuberpistole: Altmann geht ins Bordell und wird ausgeraubt, er gerät auf schlechte Drogentrips, er versucht es mit schwuler Liebe und beschreibt das im Detail. Das hat Sensationswert.

Dramaturgisch sind die Geschichten dabei dürftig: Zumeist erzählt Altmann bieder chronologisch und verhaspelt sich bei den Pointen. In einer Geschichte fädelt er einen Versicherungsbetrug ein. Dafür muss er ein paar tumbe Polizisten reinlegen. Altmann weiht den Leser in seinen Plan ein (Überraschung: Schöne Frauen spielen eine Rolle!), und siehe da: Der Plan geht sauber auf! Angehende Versicherungsbetrüger lernen hier etwas, wer dagegen auf eine überraschende Wendung spekulieren sollte, wird enttäuscht. Andererseits: Wer außer ein paar spießigen Sprachverwaltern braucht schon eine Schlusspointe?

In einer anderen Story umwirbt Altmann monatelang heftig eine Frau. Offenbar mit der Intention, Spannung zu erzeugen streut er dramatische Vorausdeutungen in die Erzählung ein: „Es war das letzte Mal, dass ich mich täuschte“, oder: „Ich begriff noch immer nicht, was geschah.“ Der Leser hingegen begreift sehr wohl, was geschehen wird: Altmann kriegt die Frau und verlässt sie kurz darauf wieder, weil sie ihm zu langweilig wird – das kommt so überraschend wie das glückliche Ende in einem Meg-Ryan-Film.

Der Weltenbummler Altmann führt gewiss ein außergewöhnliches Leben. Viele seiner früheren Reisereportagen sind wild und aufregend. „Getrieben“ hingegen ist ein Wust aus unfreiwilliger Komik, Männerphantasien und schwer erträglicher Ego-Show.

 

Zuerst veröffentlich bei Literaturkritik.de

Andreas Altmann: Getrieben. Stories aus der weiten wilden Welt.
Solibro Verlag, Münster 2005.
201 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-10: 3932927257
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