Anton Hunger berichtet „vom Glanz und Elend der Journaille“

"Blattkritik" von Anton HungerDer Name Anton Hunger ist vor allem mit seiner fast 20-jährigen Tätigkeit als Chef-Kommunikator von Porsche verbunden. Nun hat er – der reichlich Gelegenheit hatte, die deutsche Presse zu studieren – eine „Blattkritik“ in Buchform verfasst. In 23 Kapiteln knüpft er sich die unterschiedlichen Fehltritte der Presse vor.

Anton Hunger kennt den Medienbetrieb mit allen seinen Reflexen, Ritualen und Eitelkeiten in- und auswendig und hat selbst oft genug auf dieser Klaviatur gespielt. Der Grundgedanke in „Blattkritik“: Journalisten legen es auf eine runde, packende Story an – dabei fallen die Fakten gern mal unter den Tisch, wenn diese nicht zur Geschichte passen. Zudem messen sie mit zweierlei Maß: In der Headline wird mit ausgestrecktem Finger auf Politiker gezeigt, die beim „wulffen“ erwischt werden. Dabei seien viele Journalisten aber selbst mit einer mindestens ebenso ausgeprägten Mitnahmementalität ausgestattet.

Die Fehltritte

Als besonders eklatantes Beispiel zieht Hunger das „Netzwerk Recherche“ heran: 2011 stellte sich heraus, dass ausgerechnet der Verein, der sich dem unabhängigen Qualitätsjournalismus verschrieben hat, über Jahre mehr Zuschüsse kassiert hatte, als ihm zustand. Die beiden Vorsitzenden Thomas Leif und Hans Leyendecker standen plötzlich selbst am Pranger. Hunger ordnet den Fall an sich zwar als Petitesse ein – die aber deutlich zeige, dass selbst die anspruchsvollsten Journalisten nie „objektiv“ berichten, sondern ebenso eitel und fehlbar sind wie die Gegenstände ihrer Berichterstattung.

Hunger zählt auf, wo sich die „Journaille“ in den letzten Jahren als fehlbar erwiesen hat: Vom Hype um Guttenberg, der mit dem Bild-Aufzug erst nach oben und dann wieder nach unten fuhr über die Schweinegrippe, die zur potenziellen Epidemie hochgeschrieben wurde bis zu „Prantl-Gate“: SZ-Autor Heribert Prantl schrieb bekanntlich ein Porträt über Andreas Vosskuhle, in dem er den Eindruck erweckte, beim obersten Verfassungsrichter zu Gast gewesen zu sein, obgleich seine Bericht über die Kochgewohnheiten auf Erzählungen Dritter beruhte. Eine vermeintliche Kleinigkeit, die aber aufgrund der Fallhöhe – ausgerechnet Prantl! – für einen kleinen Skandal sorgte. Die Redaktion der SZ entschuldigte sich umgehend bei ihren Lesern.

Fehlendes Verantwortungsbewusstsein

Anton Hunger ist ganz offenbar ein Haudegen alter Schule und vielleicht liegt es daran, dass das Buch durchzogen ist von einer „Früher-war-alles-besser“ Mentalität. Immer dräut bei dieser „Blattkritik“ der Untergang des Medienabendlandes. So zitiert Hunger das journalistische Urgestein Dagobert Lindlau. Der strich einst aus einem Interview mit Willy Brandt eine Passage, weil diese Attentäter zu einem Anschlag auf den damaligen Kanzler hätte anregen können. In der heutigen Medienlandschaft sei so etwas nicht mehr vorstellbar: „Einfach einmal darüber nachdenken, was die wiedergegebenen Worte für eine Konsequenz haben könnten. Das scheint heute jegliches Verantwortungsbewusstsein vieler Journalisten zu übersteigen“, klagt Hunger.

Dem möchte man entgegen halten, dass schon aus logischen Gründen kaum nachprüfbar ist, was Journalisten nicht schreiben – man weiß ja nichts davon. Außerdem zeigt gerade der von Anton Hunger mehrfach herangezogenen Fall Wulff, dass Journalisten durchaus schweigen können: Das Gerücht, Bettina Wulff hätte als Escort-Lady gearbeitet, war der Hauptstadtpresse bekannt, bevor Wulff zum Skandal-Präsidenten wurde. Dennoch hat niemand berichtet. Schließlich war es Wulff selbst, der im TV-Interview darauf zu sprechen kam.

So hat der Leser häufig das Gefühl, dass Hunger in seiner Kritik arg pauschal ist – er wettert gegen „die Journaille“ schlechthin. Gewiss, es wird viel Unsinn veröffentlicht. Aber ist gerade die deutsche Presse wirklich so schlecht? Zu jedem Beispiel für die vermeintliche Verlotterung des Berufstandes sollten dem geübten Zeitungsleser zahlreiche Beispiele für objektive, vorbildliche Berichte einfallen. Eines aber muss man Hunger lassen: Er schreibt ausgezeichnet. Auch wenn er mehrfach übers Ziel hinausschießt – unterhaltsam ist seine Blattkritik allemal.

ZUERST ERSCHIENEN IM PR REPORT

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