Wir Kinder vom Burnout-Zoo: „Bis nichts mehr ging“ von Matthias Onken

"Bis nichts mehr ging" von Matthias Onken

Matthias Onken war als Journalist ein Senkrechtstarter: Vom Polizeireporter stieg er schnell zum Chefredakteur der Hamburger Morgenpost auf. Mit Mitte 30 war er Redaktionsleiter von Bild Hamburg. Doch das Leben für die immer nächste Schlagzeile fordert seinen Tribut: Er ackert 14 Stunden am Tag, anschließend gibt es Alkohol, Bordellbesuche, Drogen. Familie und Freundschaften zerbrechen. Am Ende steht – kurz vor dem Burnout – der Ausstieg.

Burnout ist derzeit ein Lieblingsthema der Medien, davon zeugen zahlreiche Titelgeschichten und Talkshows. Tatsächlich steht die Krankheit wie keine andere bildhaft für das Unbehagen an unserer Kultur: Wie kann es sein, dass wir trotz technischen Fortschritts immer weniger Zeit haben? Sollten uns Laptop, Smartphone und Videokonferenz nicht entlasten? Stattdessen treiben sie uns vor sich her und haben längst Feierabend und Wochenende erobert. Einfach mal abschalten – das wird immer schwerer.

Matthias Onken hat keinen Burnout erlitten. Erspart blieb ihm der aber nur, weil er gerade noch rechtzeitig die Reißleine gezogen hat und ausgestiegen ist.

Als Journalist hat er eine steile Karriere hingelegt. Er fängt als Lokalreporter beim Pinneberger Tageblatt an und sitzt bereits mit 33 Jahren auf dem Stuhl des Chefredakteurs der Hamburger Morgenpost.

Damit ist er verantwortlich für sechzig Mitarbeiter, vom Reporter bis zur Sekretärin. Und er macht zum ersten Mal Bekanntschaft mit dem Stresslevel, von dem er die nächsten Jahre nicht mehr runterkommen wird. Besonders angespannt wird es bei der „Mopo“, als der britische Investor David Montgomery das Blatt kauft und zur Zusammenarbeit mit der Berliner Zeitung verdonnert. Beide Blätter sollen auf Profit getrimmt werden. Onken bekommt Druck von oben – der Verleger will schwarze Zahlen – und von unten – seine Mitarbeiter rebellieren wegen der Sparpolitik mehr oder weniger offen gegen ihren Chef.

Privat zahlt Onken einen hohen Preis: Beziehungen und Freundschaften zerbrechen, für seinen Sohn aus geschiedener Ehe findet er kaum noch Zeit.

Beruflich geht’s weiter nach oben: Onken wird Redaktionsleiter bei Bild Hamburg. Noch mehr Verantwortung, noch mehr Stress. Als die Konkurrenz vom Hamburger Abendblatt exklusiv über die heimliche Hochzeit von Robert Redford in Hamburg berichtet und Bild von dieser Geschichte keinen Schimmer hatte, ist das eine Niederlage, an der Onken wochenlang nagt. Er gibt weiter Vollgas. Chronische Müdigkeit, die Haare fallen aus. Abschalten geht allenfalls spät Abends in der Bar oder bei den Bordellbesuchen, die Onken in dem Buch nicht ausspart.

Er denkt ans Aussteigen und kann es doch lange Jahre nicht. Denn natürlich macht der Job auch Spaß, bringt Prestige, Einfluss und so manches High. So kann Arbeit süchtig machen. Der Kick des 14-Stunden-Tages wirkt wie eine Droge und ein Workaholic ist auch nur ein Junkie, dessen größte Angst der kalte Entzug ist.

„Bis nichts mehr ging“ ist so rasant geschrieben, wie man es von einem Boulevard-Profi erwarten darf. Dabei erzählt das Buch aber eine Geschichte, die größer ist als die Räuberpistole aus der Lokalzeitung. Es ist eine Geschichte über die Schattenseiten der heutigen Arbeitswelt. Dabei schiebt Onken niemandem die Verantwortung für seine Situation zu. Verantwortlich für Stress oder nicht Stress – oder für Burnout oder nicht Burnout – ist man letztlich selbst, so die Lehre aus dem Buch. Lesenswert!

Bis nichts mehr ging: Protokoll eines Ausstiegs. Matthias Onken, 2013, rororo, 8,99 €, 176 Seiten, ISBN: 978-3499630002

ZUERST ERSCHIENEN IM PR REPORT

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