Der Wahl-Helfer: „Höllenritt Wahlkampf“ von Frank Stauss

"Höllenritt Wahlkampf" von Frank Stauss
Ein Wahlkampf ist die Krönung der Kommunikation. Die Zeit ist kurz, das Geld knapp und am Sonntagabend gibt es unausweichlich Sieger und Besiegte. Anders als bei Werbung für Joghurt, Bier oder Autos kann man nicht auf halber Kampagnen-Strecke den Kurs wechseln. Im Wahlkampf liegt die Wahrheit auf dem Platz, am Ende stehen hohe Ämter oder Opposition – nicht selten auch Rücktritt und Ende einer politischen Karriere.

Frank Stauss, Geschäftsführer der Werbeagentur Butter, hat zwei Jahrzehnte Wahlkampf gemacht, die meisten davon für die SPD. Höchst unterhaltsam und in flapsigem Werbesprech gibt er Einblicke in den Maschinenraum von Wahlkampagnen.

Hamburg top, Thüringen Flop

So war Stauss zum Beispiel im Team, als Olaf Scholz 2011 in Hamburg zur Wahl antrat. Stauss verpasste Scholz das Image des distanzierten Politikprofis, der bewusst auf Luftballons, Einmarschmusik und Videoinstallationen verzichtete. Das erwies sich als genau die richtige Strategie zur richtigen Zeit; Scholz gewann die absolute Mehrheit.

Auch bei bitteren Niederlagen war Stauss dabei. Zum Beispiel 2004 in Thüringen, als die SPD bei traurigen 14,5 Prozent landete. Angesichts der verlorenen Wahl deutete Spitzenkandidat Christoph Matschie auf eines der perfekt designten Wahlplakate und sagte zu Stauss: „Frank, mit keinem verliert man so schön wie mit Dir.“

Das heißt aber nicht, dass Stauss als Werber nur für Optik und schönen Schein einer Kampagne verantwortlich wäre. Gleich zu Beginn des Buches stellt er klar, dass man weder mit neuem Brillengestell noch einer Homestory Wahlen gewinnt. Sondern mit den richtigen Inhalte für den richtigen Kandidaten zur richtigen Zeit.

2005: Schröder vs. Merkel

Den längsten Teil des Buches nimmt die tagebuchartige Beschreibung einer der dramatischsten deutschen Wahlschlachten ein: Die Bundestagswahl 2005, bei der Schröder aus scheinbar aussichtsloser Position gegen Merkel antrat. In den Umfragen lag die SPD abgeschlagen hinter der Union. Die Leitmedien schienen es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, Schwarz-Gelb an die Macht zu schreiben.

In der Kampa im Willy-Brandt-Haus versucht man sich dennoch am scheinbar Unmöglichen.

Ein seriöses Umbra wird Leitfarbe der Kampagne, weil die Erdfarbe Ernsthaftigkeit ausstrahlt und signalisieren soll, dass die SPD nach sieben Regierungsjahren noch überraschen kann. Dazu kommen rotzige Slogans wie „Merkelsteuer – das wir teuer“. Schmutzkampagnen deckt Stauss nicht auf, dafür aber kleine Scharmützel: Einmal kommt aus dem Team der CDU ein anonymer Tipp über den geplanten Merkel Kino-Spot. Stauss‘ Team produziert in Windeseile eine witzige Replik und stellt diese den Hauptstadtjournalisten vor, bevor die den Merkel-Spot kennen. Triumph fürs Kampa-Team, betretene Gesichter bei der Mannschaft von Volker Kauder.

Am Wahlabend ist der Merkel-Vorsprung dahin geschmolzen: Merkel siegt, aber nur mit einer hauchdünnen Mehrheit vor der SPD. Im Willy-Brandt- Haus wird das Ergebnis der furiosen Aufholjagd lautstark gefeiert.

„Höllenritt Wahlkampf“ ist ein kurzweiliges Buch über Politik, spanndend wie gute Strandlektüre und so lehrreich über den Betrieb, dass es Pflichtlektüre im Politikstudium sein sollte.

Höllenritt Wahlkampf – Ein Insider-Bericht. Frank Stauss 2013. Deutscher Taschenbuch Verlag, 200 Seiten, 12,90 Euro

ZUERST ERSCHIENEN IM PR REPORT

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