GELESEN: DIE GEHETZTE POLITIK

"Die gehetzte Politik", herausgegeben von Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke

Sind Politiker heute überhaupt noch handlungsfähig? Oder werden die gewählten Volksvertreter angesichts der Macht internationaler Finanzmärkte und digitalisierter Medien nur noch durch die Arena gehetzt und haben allenfalls eingebildete „Beinfreiheit“? Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und der Journalist Wolfgang Krischke versammeln in „Die gehetzte Politik“ 27 Interviews mit Politikern, Journalisten, Wirtschaftsvertretern. Sie gehen der Frage nach, ob das Zeitalter der Postdemokratie angebrochen ist – oder ob die Schwarmintelligenz vielleicht eine neue Form des Parlamentarismus birgt.

Seit bald einem halben Jahrzehnt bestimmt die Banken- und Eurokrise den politischen Diskurs. Rettungspakete für Griechenland, möglicher Ausstieg aus dem Euro, Steuermilliarden zur Bankenrettung – diese Themen beherrschen die Schlagzeilen und werden es auf absehbare Zeit auch weiterhin tun.

Gleichzeitig beschleunigen die Medien das Tempo: Die Digitalsierung führt zu einer immer schnelleren Taktung der News; soziale Medien lassen Jedermann zum potenziellen Redakteur werden und über wen der nächste Shitstorm hereinbricht ist kaum unverhersehbar.

Die neue Verflechtung

So findet sich die Politik in einem Zangengriff aus Medien und Märkten. Liegt die Entscheidungskompetenz noch in den Händen der gewählten Volksvertreter – oder sind selbst die hochrangigsten Politker heute vielleicht nur noch Gehetzte? Die angebliche „Alternativlosigkeit“ vieler politscher Entscheidungen legt jedenfalls genau das nahe.

Der neuen Verflechtung von Politik, Finanzmärkten und Medien gehen Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und Journalist Wolfgang Krischke nach. Das Buch versammelt 27 Interviews, welche Studierende der Universität Tübingen mit prominenten Vertetern aus Politik, Wirtschaft und Medien, sowie einigen Grenzgängern zwischen diesen Welten, geführt haben. Zu den Interviewten gehören Ole von Beust, Heiner Geisler, Wolfgang Kubicki, Giovanni di Lorenzo, Richard David Precht – oder auch der Satiriker Martin Sonneborn. Bekannte Köpfe also, von denen viele längst zum Dauer-Inventar deutscher Talkshows gehören. Dennoch, in diesem Interviewband kommt deutlich mehr heraus, als bei der handelsüblichen TV-Sendung, auch weil sich die Interviewer bestens vorbereitet zeigen.

Die Interviewpartner sind klug gewählt – ein Ausnahme stellt lediglich Rainer Langhans, der über seine Zeit im Dschungelcamp Auskunft gibt. Das Interview fällt nicht nur deswegen aus der Rolle, weil der Alt-68er Ansichten von sich gibt, die allenfalls in ein mediales Kuriositätenkabinett gehören. Sondern auch, weil er als Medienfigur bei Erscheinen des Buches schon längst wieder „durch“ war.

Wie ein roter Faden zieht sich durch die Interviews die Frage, wie stark und wie konkret die Medien durch ihre Berichterstattung politische Entscheidungen und politsche Karrieren beeinflussen. Die Fälle Wulff und Guttenberg haben schließlich – wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise – nahegelegt, dass Medien Karrieren befeuern oder aber auch beenden können. Hans-Ulrich Jörges, scharfzüngiger Kommentator beim Stern, führt ins Feld, dass Helmut Kohl sich keinen Deut darum scherte, was Spiegel, Stern und Zeit über seine Politik schrieben und dennoch zum Kanzler gewählt wurde. Und auch heute noch könne man erfolgreich gegen die Medien Politik machen – sofern man nicht über einen Skandal stürzt, wie es bei Guttenberg oder Wulff passiert ist.

Ein „Medienopfer“ kommt zu Wort

Einen andere Sicht auf die Dinge hat dazu der ehemalige CDU-Hoffnungsträger Christian von Boetticher. Von Boetticher galt einst als aussichtsreicher Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten in Schleswig Holstein – bis „Parteifreunde“ 2011 den Medien steckten, dass er eine Affäre mit einer damals 16-Jährigen hatte. Die Boulevard-Medien sezierten den Fall in aller Ausführlichkeit und von Boetticher blickte in einen – wie er es nennt – „Abgrund an journalistischer Meinungsmache und Persönlichkeitszerstörung“. Die Geschichte endete mit seinem Rückzug aus der Politik. Und führte von Boetticher gleichzeitig zu der Erkenntnis, dass der Direktkontakt zum Wähler über Facebook oder Youtube vielleicht ein Ausweg aus der Abhängigkeit von klassischen Medien bietet.

Während bei von Boetticher eine Prise von Verschwörungstheorie gegenüber den Medien mitschwingt, sieht es Ex-Regierungssprecher Thomas Steg erheblich pragmatischer: Steg meint, statt sich zu beklagen, sollten Politiker Konsequenzen ziehen und mit Facebook und Twitter arbeiten um so an den Gatekeepern vorbei die eigene Leistung beim Wähler darzustellen. Sein Tipp, der sich wie an von Boetticher gerichtet anhört: „Weniger klagen und mehr ausprobieren.“

Es ist die Stärke dieses Interviewbandes, dass es ganz unterschiedliche Meinungen nebeneinanderlegt. Die Mischung der Interviewten ist dabei hochspannend und die Möglichkeit ganz unterschiedliche und gleichzeitig fundierte Meinungen zum Medien- und Politikgeschäft nebeneinanderzulegen selten. Empfehlenswerte Lektüre!

Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke (Hrsg.). 2013. Die gehetzte Politik. Die neue Macht der Medien und Märkte. Köln: Herbert von Halem Verlag. 355 Seiten, 19,80 Euro

ZUERST ERSCHIENEN IM PR REPORT

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