Gelesen: David und Goliath. Die Kunst, Übermächtige zu bezwingen von Malcolm Gladwell

Malcolm GladwellMalcolm Gladwell ist ein Star unter den Wissenschaftsjournalisten. Seine Bücher „Tipping Point“, „Blink“ oder „Überflieger“ erreichen weltweit ein Millionenpublikum; mit seinen überraschenden Thesen fordert er unsere eingeschliffenen Denkmuster heraus. Gladwell stellt Erkenntnisse aus Psychologie, Sozialwissenschaft, Geschichte und Wirtschaft zusammen und unterfüttert diese mit Geschichten von Menschen, die die Thesen beispielhaft verkörpern. So gelingt es ihm, abstrakte Wissenschaft anhand nachvollziehbarer menschlicher Geschichten plausibel zu machen.

Gladwells grundlegende These in „David und Goliath“: Die Schwachen sind keineswegs so schwach, wie wir glauben – und die Starken bei weitem nicht so stark. Der Kleine kann den Großen besiegen, wenn er es nur richtig anstellt.

Gladwell beginnt mit der alttestamentarischen Geschichte vom Hirtenjungen David und seinem Kampf gegen den riesigen Goliath. Und stellt dabei fest: David war körperlich zwar klar unterlegen – aber alles andere als chancenlos. Damals gab es neben Fußsoldaten wie Goliath auch so genannte „Schleuderer“ – also Krieger, die mit einer Steinschleuder kämpften. Da die Schleuderer Ziele auch aus großer Entfernung trafen, stellten sie eine tödliche Gefahr für Fußsoldaten dar. Goliath und alle Zuschauer hatten erwartet, dass es einen Nahkampf geben würde. Das war damals üblich. David aber dachte nicht daran, sich an das reguläre Protokoll zu halten. Und nachdem er sich erst einmal entschieden hatte, Goliath mit der Schleuder zu bekämpfen, war es auf einmal sein riesiger Gegenüber mit der schweren Rüstung, der die schlechteren Karten hatte. Davids Klugheit bestand mithin darin, sich nicht auf einen Kampf Soldat-gegen-Soldat einzulassen. Dazu gehörte neben Klugheit und Mut eine weitere Eigenschaft, die entscheidend ist für alle „Davids“. Die Bereitschaft, die üblichen Spielregeln zu brechen, auch wenn man damit aneckt und sich möglicherweise unbeliebt macht. Doch als Hirtenjunge war David gesellschaftlich ohnehin unten. Ihm war egal, was von ihm erwartet wurde.

Gladwell erzählt in „David und Goliath“ zahlreiche Geschichten von Menschen, die es wie David mit scheinbar übermachtigen Widerständen aufnahmen – und Erfolg hatten. Zum Beispiel Ingvar Kamprad. Der Ikea-Gründer darf zu den erfolgreichsten Unternehmer aller Zeiten gezählt werden. Dabei waren seine Startbedingungen als Kind alles andere als ideal – denn Kamprad ist Legastheniker. Doch gerade diese vermeintliche Schwierigkeit machte ihn stark. Denn er war nicht einfach nur ein sehr innovativer und sorgfältiger Mensch. Aufgrund seiner Leseschwäche kannte er das Gefühl, ein Außenseiter zu sein. Und traute sich deswegen ausgerechnet auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, Geschäfte mit Polen zu machen. Dort gab es billige Arbeitskräfte und viel Holz. Kein normaler Unternehmer wäre damals auf den Gedanken verfallen, mit „dem Feind“ Geschäfte zu machen. Kamprad aber brachte das richtige Maß an gesellschaftlicher Unverträglichkeit mit und es war ihm egal, was man von ihm hielt. Er machte Ikea groß, indem er dem Kalten Krieg die Stirn bat.

Ähnlich wie Kamprad ging es Hollywoodproduzent Brian Grazer. Auch Grazer ist Legastheniker, entsprechend schlecht waren seine Schulnoten. Grazer aber lernte, mit seinen Lehrern über Zensuren zu verhandeln. Und später in Hollywood machte ihn gerade dieses damals erlernte Verhandlungsgeschick erfolgreich.

Gladwell entwickelt so eine „Theorie der wünschenswerten Schwierigkeiten“: Für Ingvar Kamprad, Brian Grazer und die vielen anderen Davids dieser Welt, ist es paradoxerweise das Gefühl, keine Chance zu haben, welches Freiräume und neue Möglichkeiten öffnet. Anders als die meisten von uns, können sie auf gesellschaftliche Konventionen pfeifen. Sie versuchen nicht, das beste aus den gegebenen Umständen zu machen. Sondern sie wollen ihre Umwelt dazu bringen, dass sie sich ihnen anpasst.

„David und Goliath“ ist – wie schon die vorherigen Bücher Gladwells – äußerst spannend zu lesen und zieht einen von der ersten Seite an ins Thema. Auch wenn es mit Sicherheit kein klassisches PR-Buch ist, so kann man als  PR‘ler eine Menge daraus mitnehmen. Vor allem Ideen dafür, wie man aus einer schwierigen Startposition heraus erfolgreich sein kann. Sei es nun ein schmales Budget, ein schwer erklärbares Produkt oder ein vermeintlich übermächtiger Gegner: Man muss nur den Mut haben, Spielregeln zu brechen – und die Welt an sich anzupassen.

David und Goliath. Die Kunst, Übermächtige zu bezwingen von Malcolm Gladwell. 2013. Campus Verlag. 256 Seiten. 19,99 Euro. ISBN  978-3593399188

Advertisements

Ein Gedanke zu “Gelesen: David und Goliath. Die Kunst, Übermächtige zu bezwingen von Malcolm Gladwell

  1. Ja, obwohl Gladwell’s Argumente ueberzeugend sind, muss man daran denken, dass sie trotz allem Theorien sind. Man koennte auch sagen, David wahr feighaft und nicht ehrenvoll, dass diejenigen die nicht nach den Regeln spielen aussermoralisch arbeiten. Und seh mal, was fuer Geschichten ueber IKEAs Grunder erzaehlt werden koennen…
    Aber ja, Gladwell ist ein popStart unter den Wissenschaftsjournalisten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s