Meute mit Mistgabeln

Wie aus vermeintlicher Schwarmintelligenz ein pöbelnder Digital-Mob wurde, steht Jon Ronsons lesenswertem Buch „In Shitgewittern“.

In Shitgewittern

„In Shitgewittern“ von Jon Ronson – sehr lesenswert für alle, die irgendwie in Sozialen Medien aktiv sind.

Die sozialen Medien hielten einst eine wunderbare Verheißung bereit: Sie würden jedem eine Stimme geben. Jeder sollte seine Meinung sagen können, ganz ungefiltert. Die Intelligenz der Masse würde den besten Beiträgen und wichtigsten News die meisten Likes geben und sie damit zu den Top-News machen. Ganz Basis-Demokratisch.

Und wenn sich ein großer Konzern ein Schweinerei erlaubt – zum Beispiel den Regenwald für Palmöl abholzt oder Kunden unfair behandelt – dann würde dieser Konzern ein Shitstorm erleben und  von den vielen klugen Menschen da draußen in die Knie gezwungen werden. Das in etwa war die Idee der sozialen Medien, an die ich persönlich von vielleicht 2009 bis sagen wir mal 2012 glaubte.

Es kam ganz anders, leider. Wie und warum das so ist, las ich gerade in Jon Ronsons Buch „In Shitgewittern“ Ein Shitstorm hat heute nichts mehr mit Schwarmintelligenz zu tun. Sondern mit einer geifernden Meute, die Mistgabeln schwenkt und fremde Menschen beschimpft (die übrigens meist weiblich sind).

Justine Sacco bekommt den Shitstorm des Jahrhunderts ab.

Ronson fängt mit dem Fall von Justine Sacco an, die einen unpassenden Tweet schrieb, woraufhin sie einen Shitstorm in einer Art kassierte, wie es ihn bis dahin für nicht-Promis noch nicht gegeben hatte. 

Ronson erzählt diverse weitere Fälle von Menschen, die auf Twitter, Facebook und Co. den Zorn der Masse auf sich zogen. Zum Beispiel Jonah Lehrer, Lindsey Stone, Adria Richards, Rachel Dolezal. Autor Ronson selbst geriet übrigens auch in einen Shitstorm, nachdem er das Buch veröffentlich hat (das erzählt er im Nachwort zur deutschen Ausgabe).

Es geht in dem Buch aber nicht in erster Linie ums Line-Up der größten Public-Shaming-Opfer. Das wäre nur ein etwas gehobener Voyeurismus.  Ronson fragt vielmehr, wie es soweit kommen konnte, dass „wir uns das Leben zur Hölle machen“ – wie es im Untertitel heißt. Ronson vergleicht den Online-Pranger auf Twitter mit dem Mittelalterlichen Pranger, an den Übeltäter gestellt wurde. Das digitale Zeitalter als ein Rückfall in die Barbarei.

Shitstormer – ganz nette Leute?

Das Tragische ist, dass die Shitstormer in der Regel wohl ganz nette Leute sind, die gute Absichten haben. Die in der Masse aber zu zu Worten und Drohungen greifen, welche ihnen Offline nie in den in Sinn kämen (und die sie a nächsten Tag auch meist wieder vergessen haben – oder die ihnen dann schon unangenehm sein könnten).

Wie man es richtig macht im Angesicht des Shitstorms zeigt ausgerechnet Formel-1-Oldie  Max Mosley. Max Mosley pflegt, wie wir Dank der Britischen Boulevardpresse wissen, einen Hang zu etwas extravaganten Sex-Praktiken. Eine Zeitung berichtete darüber sehr ausführlich in Wort und vor allem in Bild (sie hatten ihn heimlich gefilmt).

Max Mosley macht es richtig

Anders als die meisten Menschen angesichts solch öffentlicher Bloßstellung reagieren würden, dachte Max Mosley gar nicht daran, sich für irgendetwas zu schämen. Stattdessen verklagte der das Boulevardblatt erfolgreich. (Ich persönlich möchte sehr gern Niels Ruf das Kapitel über Max Mosley zur Lektüre empfehlen. Niels Ruf hat bekanntlich ein Händchen dafür, Shitstorms zu provozieren, womit er seine Karriere nicht gerade gefördert hat. Tilo Jung wäre ein weiterer Kandidat, dem ich das Buch, speziell dieses Kapitel ans Herz legen möchte, aber das nur nebenbei).

„Die haben es ja nicht anders verdient“

So zu reagieren wie Max Mosley ist natürlich nicht jedem gegeben und das Buch ist im Übrigen auch kein Ratgeber für den Umgang mit Scheißegewittern. Es handelt eigentlich auch viel weniger von den Opfern, als vielmehr von den Tätern – von denen, die sich in der Masse über einen einen Einzelnen hermachen und dabei noch das Gefühl haben, der oder die hätte es ja nicht anders verdient.

Das Buch bekommt meine dringende Leseempfehlung, weil das Thema erstens so wichtig ist, und weil es zweitens ganz großartig geschrieben ist.

Jon Ronson:
In Shitgewittern. Wie wir uns das Leben zur Hölle machen. Erschienen im Tropen Verlag; 330 Seiten, 14,95 Euro.

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2 Gedanken zu “Meute mit Mistgabeln

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