Meute mit Mistgabeln

Wie aus vermeintlicher Schwarmintelligenz ein pöbelnder Digital-Mob wurde, steht Jon Ronsons lesenswertem Buch „In Shitgewittern“.

In Shitgewittern

„In Shitgewittern“ von Jon Ronson – sehr lesenswert für alle, die irgendwie in Sozialen Medien aktiv sind.

Die sozialen Medien hielten einst eine wunderbare Verheißung bereit: Sie würden jedem eine Stimme geben. Jeder sollte seine Meinung sagen können, ganz ungefiltert. Die Intelligenz der Masse würde den besten Beiträgen und wichtigsten News die meisten Likes geben und sie damit zu den Top-News machen. Ganz Basis-Demokratisch.

Und wenn sich ein großer Konzern ein Schweinerei erlaubt – zum Beispiel den Regenwald für Palmöl abholzt oder Kunden unfair behandelt – dann würde dieser Konzern ein Shitstorm erleben und  von den vielen klugen Menschen da draußen in die Knie gezwungen werden. Das in etwa war die Idee der sozialen Medien, an die ich persönlich von vielleicht 2009 bis sagen wir mal 2012 glaubte.

Es kam ganz anders, leider. Wie und warum das so ist, las ich gerade in Jon Ronsons Buch „In Shitgewittern“ Ein Shitstorm hat heute nichts mehr mit Schwarmintelligenz zu tun. Sondern mit einer geifernden Meute, die Mistgabeln schwenkt und fremde Menschen beschimpft (die übrigens meist weiblich sind).

Justine Sacco bekommt den Shitstorm des Jahrhunderts ab.

Ronson fängt mit dem Fall von Justine Sacco an, die einen unpassenden Tweet schrieb, woraufhin sie einen Shitstorm in einer Art kassierte, wie es ihn bis dahin für nicht-Promis noch nicht gegeben hatte.  Weiterlesen

Sekundärliteratur für den US-Wahlkampf: House of Cards, Staffel 4

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House of Cards: Frank Underwood ist grau geworden. Und noch blutrünstiger.

(Enthält kleinere Spoiler!)

Frank Underwood, gespielt von Kevin Spacey, geht ins Rennen um das Amt des US-Präsidenten. Und er ist zerstörungswütiger und blutrünstiger denn je. „We don’t submit to terror. We make the terror“ ist nur eines von vielen Zitaten, welches dem Zuschauer das Blut in den Adern gefrieren lassen.

Allerdings zeigt Präsident Underwood auch Schwäche, mehr noch als in der dritten Staffel. Seine Haare sind grau geworden, seine Gesundheit angeschlagen, seine Ehe liegt (in der ersten Hälfte der Staffel) in Trümmern – man muss sich um ihn sorgen. Dass seine körperlich schwache Verfassung ein Hindernis im Wahlkampf wird, ist eine interessante Parallele zu den Spekulationen über Hillary Clinton, die sich am 11.September 2016 bekanntlich auch nur mit letzter Kraft in ihre schwarze Limousine schleppte. Weiterlesen

Eine Buchempfehlung, für die ich vor einigen Jahren selbst ausgelacht hätte.

Bodo Schäfer Cover

Links unten steht FBV.  Nicht etwa FDP. Macht aber nichts.

Erstaunlich aber wahr: Das neue Buch von Bodo Schäfer gefällt nicht nur FDP-Wählern.

Wenn ich dieser Tage in die Zeitung schaue oder die Nachrichten im TV verfolge, so sehe ich ein Riesen-Thema auf uns zurollen: Die Rente. Oder vielmehr die Diskussion um die Reform der Rente.

Mir geht es wie wohl meisten Menschen mit der Rente – mich langweilt dieses Thema sehr. Es hat mit Zahlen zu tun, mit der ganz weit entfernten Zukunft, und damit, dass ich leider nicht ewig berufsjugendlich bleiben werden.

Bodo Schäfer: Rente oder Wohlstand

Nun kam mir das neue Buch von Bodo Schäfer in Hände: Rente oder Wohlstand.

Bodo Schäfer ist der – viele werden sagen extrem unsympathische – Mensch, der zu Zeiten der New Economy Geld-Ratgeber schrieb. Er verriet darin, wie man reich wird. Garantiert.

Ich wohnte damals in einer Wohngemeinschaft mit langhaarigen Soziologie-Studenten, Wir alle konnten mit dem von Herrn Schäfer vorgeschlagenen Lebensentwurf wenig anfangen. Und das, obwohl er uns sehr wohl bekannt war. Denn irgendwann hatte jemand eines seiner Bücher bei uns in der Küche vergessen und wir lasen beim Frühstück gern darin.

Ich erinnere mich an den Ratschlag, man solle immer einen 500 Mark Schein bei sich tragen, damit sich reich fühlt. Oder so ähnlich. Komischer Vogel, dachte ich. Und empfand etwas Mitleid mit all den Menschen, die solche Bücher nicht des unfreiwilligen Unterhaltungswertes wegen lasen. Sondern, weil sie glaubten, sie würden mit solchem Kokolores wirklich zu Geld kommen.

Nun aber habe ich mich – warum auch immer – genauer in  das neue Buch von Bodo Schäfer vertieft. Und, uff – selten so viel gelernt!

Im ersten Teil nimmt er das deutsche Rentensystem auseinander, so dass man staunend zuschaut. Und ich zumindest habe dabei endlich mal einiges verstanden. Und außerdem liest es sich noch spannend.

Spannend über das Rentensystem schreiben – das kriegt nur Bodo Schäfer hin. Ehrlich und aufrichtig: Hut ab! Weiterlesen

Reicher & Geiler

Jeremy Gutsche Schneller und Besser BuchDer Titel dieses Buches ist schon mal ziemlich platt: „Schneller & Besser“ – das hört sich an, wie die jüngste Service-Kampagne der Deutschen Bahn oder eine LIDL-„Qualitätsoffensive“.

Wobei man ja weiß, wie solche „Kampagnen“ und „Offensiven“ ausgehen – sie versanden im Nirgendwo.

Jeremy Gutsche schreibt für Leute, die auch Tim Ferriss (4. Stunden Woche) lesen oder Ryan Holiday  („Growth Hacker Marketing“) oder Neil Strauss („The Game“)

Siegessicher, aber unter Bullshit-Verdacht

Autoren, die für ein Online-geprägtes, junges, eher männliches Publikum schreiben. Leser, die mit 17 vom eigenen Start-up träumen, nicht von der eigenen Punk-Band. Sie schreiben unterhaltsam und siegessicher, stehen dabei aber auch immer unter Bullshit-Verdacht.

Letztes Jahr hatte ich ein sehr kurzweiliges Buch von Gutsche gelesen, das mit gut gefiel: Zündstoff war anders als das übliche Wirtschaftsbuch. Und mit vielen Bilder exzellent aufgemacht.

„Schneller & Besser“ ist so etwas wie die Extended Version von Zündstoff. Es gibt keine Bilder, dafür aber vier mal so viel Text. Und Fremdwörter wie „Konvergenz“, „Divergenz“ und „Zyklizität“.

Hört sich jetzt vielleicht nach viel Theorie an. Tatsächlich aber ist das Buch voller     Praxis-Beispiele.  Es strotzt nur so vor Praxis – und genau das ist das Problem. Weiterlesen

Gelesen: David Scott und Team Bibel

Wen es interessiert: Ich habe das Bild mit der App Camera plus bearbeitet. Die App kostet 2,99 Euro und ist ihr Geld wert!

Wen es interessiert: Ich habe das Bild mit der App Camera plus bearbeitet. Die App kostet 2,99 Euro und ist ihr Geld wert!

David Scott: Die neuen Marketing- und PR-Regeln im Social Web

mitp Verlag. 480 Seiten, 24,99 Euro. 2014

David Scott gehört in den USA zu den bekanntesten Online-Marketing Experten. Sein Buch zeigt, wie man mit wenig Etat die virale Mund-zu-Mund-Propaganda im Social Web befeuert. Für Kenner der Materie gibt es hier wenig Neues. Wer aber seine ersten Gehversuche im Web 2.0 unternimmt, findet eine klasse Einführung in Themen wie Corporate Blogs, SEO, Apps, Newsletter, Netzwerke usw. Das Buch ist dabei sehr locker im Ton und betont die Chancen, die das Web für den Verkauf bieten. Weiterlesen

Gelesen: Operation Shitstorm. Berufsgeheimnisse eines professionellen Medien-Manipulators. Von Ryan Holiday

Operation Shitstorm von Ryan Holiday

Operation Shitstorm von Ryan Holiday

Geht es um die Verbreitung von News im Social-Media-Zeitalter, wird gern dieses Zitat eines unbekannten Amerikaners angeführt: „Wenn eine Nachricht wirklich wichtig ist, dann wird sie mich finden“. Dieser Spruch spiegelt eine der großen Verheißungen des digitalen Lebens wider: Bei der Auswahl von Nachrichten dient nicht mehr ein Journalist, sondern das soziale Netzwerk als Gatekeeper. Im eigenen Newsfeed würde man nur noch die für einen relevanten Nachrichten finden. Die Schwarmintelligenz soll alles Banale abfischen, bevor man seine Zeit damit verschwendet.

Eine schöne Idee – nur leider völlig falsch. Das jedenfalls behauptet Ryan Holiday in Operation Shitstorm. Berufsgeheimnisse eines professionellen Medien-Manipulators.

Soziale Medien, so Holiday, hätten keineswegs dazu geführt, dass uns nur noch die wirklich wichtigen Nachrichten erreichen. Sondern dazu, dass wir mehr als je zuvor einem Getöse aus zur Sensation aufgepumpten Banalitäten ausgesetzt sind.

Ryan Holiday, Jahrgang 1987, ist als Marketing-Direktor für American Apparel bekannt geworden. Für das Modelabel und dessen umstrittenen Gründer Dov Charney hat Holiday schrille Kampagnen inszeniert. Dabei war er war überaus kreativ, wenn es galt, hinter den Kulissen die Strippen zu ziehen: Seine Methode bestand häufig darin, zunächst kleinere Blogs zu bearbeiten, weil sich Meldungen dort am leichtesten platzieren lassen. An diese Blogs schickte er – gern auch von einer falschen  Mailadresse – vermeintliche Enthüllungen oder pseudo-geleakte Bilder von Foto-Shootings. Wurde diese Meldungen erst einmal aufgegriffen, sorgte Holiday selbst für die weitere Verbreitung in größeren Medien. So jagte er die Meldung die Nachrichtenleiter Sprosse für Sprosse hoch zu den größeren Blogs und zu weiteren Medien. Bis sie schließlich in den bundesweiten Abendnachrichten angelangt war. Weiterlesen

Gelesen: Kommunikation und Social Media, Brand Content, Anders denken

Drei Bücher, die ich kürzlich gelesen habe:

Melanie Huber: Kommunikation und Social Media 

Melanie Huber: Kommunikation und Social Media

Melanie Huber: Kommunikation und Social Media

Die Welt der sozialen Medien ändert sich rasant. Entsprechend schwierig ist es, ein Buch zum Thema zu verfassen, das bei Erscheinen nicht bereits von neuen Entwicklungen überholt wurde. Daran aber krankt leider die dritte Auflage „Kommunikation und Social Media“. Bei der Auflage von 2010 mag es noch passend gewesen sein in aller Breite zu erklären, warum Twitter wichtig ist, und dass es bei Facebook um „Kontakte, Kontakte, Kontakte“ geht. Heute aber ist das – bei einem Fachbuch für Kommunikationsprofis! –  reichlich überflüssig.

Bei Diensten wie Mister Wong hat die Autorin die jüngeren Entwicklungen offenbar nicht mehr rechtzeitig mitbekommen; und spannende Dienste wie tumblr oder Soundcloud kommen erst gar nicht vor. Schade, denn von diesem Verlag ist man in der Reihe „PR Praxis“ sonst vorzügliche Bücher gewohnt.

Kommunikation und Social Media. Melanie Huber. 3. überarbeitete Auflage (14. August 2013). UVK Verlagsgesellschaft, 228 Seiten, 29,99. ISBN-13: 978-3867643801

Andreas Baetzgen, Jörg Tropp: Brand Content. Die Marke als Medienereignis

Brand Content

Brand Content

Spätestens seit Felix Baumgartners Sprung vom Himmel ist „Brand Content“ das beherrschende Schlagwort der Kommunikationsbranche. Denn die mediale Aufmerksamkeit, die Red Bull 2012 mit der Stratos-Aktion erzeugte, gilt seitdem als Messlatte für alle Marken, die eigene News und Stories produzieren wollen. Weiterlesen